Junctions

Wenn man dem Mäandern dieses Albums mit offenen Ohren folgt, kommt vielleicht ein Gedanke auf, den Robert Frobisher in der Literaturverfilmung »Cloud Atlas« so formuliert: »Ich verstehe nun, dass die Grenzen zwischen Krach und Klang reine Konvention sind.«

Es kann befreiend sein, beim Hören gewohnten Assoziationen und Gefühlen weniger Raum zu geben. Verstellt doch Gewohntes nicht selten die Wahrnehmung von Neuem. Dennoch tragen einige Stücke dieses Albums Titel, die Assoziationen wecken, wie »Approching Volterra« oder »Dans le métro«. Vielleicht, weil sie sich im Verlauf des Komponierens aufgedrängt und als immun gegen alle Kritik erwiesen haben. Das Gegengewicht bilden Titel, wie »12 Punkt 6« oder »Continuum 8«, die auf kompositorische Strukturen verweisen.

Es sind die weiten Bögen, die sich zwischen den Stücken des Albums spannen und die scheinbar scharfen Gegensätze, die sich als gemeinsames Thema durch die Musik ziehen.

Hier finden Sie Beschreibungen der einzelnen Tracks, Details zum verwendeten Geräuschmaterial, zu den Werkzeugen sowie Abbildungen und Informationen zur CD-Ausgabe.

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Continuum 8

»Die Unendliche Säule« von Constantin Brâncuși

Constantin Brâncușis »Unendliche Säule«: Sie ist aus 32 Elementen zusammengesetzt, jedes die Hälfte eines Rhombus. Mit dem letzten Element öffnet sich die Säule zum Himmel hin.

In dieser Anordnung sehen die rumänischen Autoren Nina May und George Dumitriu eine stehende Welle mit acht ganzen Schwingungen. Meine Bewunderung für die Skulptur, Mahnmal und Himmelsleiter zugleich, hat dieser Gedanke noch befeuert.

Bei der Arbeit an »Continuum 8« kam mir die stehende Welle in den Sinn. Ich sah die Bäuche und Knoten der Welle in der zeitlichen Struktur des Stücks aufscheinen, wie eine zur Seite gelegte »Unendliche Säule«.

Von inhärenten Patterns spricht György Ligeti bei seinem Stück »Continuum for harpsichord«, von etwas, das man nicht hört und das doch gespielt wird. In einem verwandten Sinn steckt der Gedanke der »Unendlichen Säule« in »Continuum 8«.

Carillon de fer

In Belgien, den Niederlanden und Nordfrankreich sind sie verbreitet, die Carillons auf den Türmen. Wem jetzt die »Sch’tis« einfallen, der liegt natürlich richtig.

Für »Carillon de fer« habe ich ein Metallophon des Installationskünstlers Wolf Rabe bespielt. Das einer Stanze entsprungene Stück hatte bereits auf meinem ersten Album einen Auftritt. Sein rauhbeiniger und seltsam verletzter Klang schien mir wie geschaffen für ein frei schwingendes Geläut, bei dem der Wind den Carilloneur gibt – in Vincent van Goghs »Pfarrgarten von Nuenen« vielleicht.

12 Punkt 6

Bei Daniel Gottlieb Türk – er war zur Zeit der französischen Revolution Autor einer großen Klavierschule – stolperte ich über eine Terzbewegung, die mich an minimalistische Strukturen denken ließ. Aus dem Spiel mit den Terzen erwuchs 12 Punkt 6.

Das Stück gliedert sich in Exposition, zweimal fünf thematisch ineinander geschachtelte Abschnitte und den Schluss. Vom Ausgangspunkt des einfachen Spiels mit Terzen pendelt es zwischen den beiden musikalischen Farben der Abschnitte, die das Spiel variieren, bis es schließlich zum Ausgangspunkt zurückkehrt.

Approaching Volterra

Mit 60.000 Sachen rauscht der Brocken durchs All, benannt nach dem italienischen Physiker Vito Volterra. Bei der Annäherung navigierte man wohl durch ganze Felder bedrohlich dahin trudelnder Felsen. Daran dachte ich einmal als ich die musikalischen Objekte für dieses Stück auf die akustische Bühne brachte, um ihr Ballet zu choreografieren.

Ich widme es Christina Kubisch, die mich mit ihrer Ausstellung »Electrical Moods« dazu inspirierte, Musique concrète aus Klängen hörbar gemachter elektromagnetischer Felder zu schöpfen.

Der Angeln Ruf

Eine Marmorskulptur meines Künstlerfreundes Wolf Rabe

Naturgemäß beginnt Musique concrète mit akustischen Erkundungen. Für dieses Stück hörte ich in Ateliers der ehemaligen Rheinischen Tapetenfabrik Bonn-Beuel hinein. Dort hatte mein Künstlerfreund Wolf Rabe einige Objekte seiner Installationen platziert.

Das Stück durchpflügt untergründige Metren. Doch kaum tauchen dabei Rythmen auf, verschwinden sie schon. Vor allem aber kreist das Stück um den Klang einer marmornen Skulptur.

Auf einer rostigen Angel in ruckende Drehung versetzt, schickt sie ihren klagenden Ruf in die Ateliers. Zur Hilfe eilen zart knisternde Strukturen, die uns auch aus der Tiefe der Räume retten.

Dans le métro

Sitzen und warten auf der Bank eines leeren, unterirdischen Perrons. Ich tappe mit den Füssen ungeduldig auf den glatten Boden. Im Tunnel quietscht es: Dreht da einer Pirouetten auf Gummisohlen? Plötzlich ist sie da, kam wohl angepirscht wie auf Sneakers, die Pariser Métro. Türen schließen, die Bahn beschleunigt heftig und rollt doch so gedämpft dahin wie bei der Ankunft. Ein Halt, dann wieder einer. Endlich steigen Menschen ein. Weiter eilen die Waggons auf ihren Sneakers. Überraschend huschen die beleuchteten Fenster eines entgegenkommenden Zuges vorbei. Für einen Moment glaube ich, Queneaus »Zazie« zu sehen, die ihre ersehnte Métrofahrt verschläft. Beim Aussteigen stelle ich mir vor, wie der Zug mit der schlafenden »Zazie« das Depot erreicht und sanft ausrollt.

Details zum Album

Das akustisch erzeugte Ausgangsmaterial, Klangobjekte im Sinne der Musique concrète, wurde für folgende Stücke dieses Albums in den Jahren zwischen 2008 und 2019 an folgenden Orten aufgezeichnet:

Carillon de fer | In einem Abschnitt des stillgelegten, rechtsrheinischen Eisenbahntunnels vor den Brückentürmen der ehemaligen Brücke vom Remagen, Gmd. Erpel

Der Angeln Ruf | Atelier des Installationskünstlers Wolf Rabe in der ehemaligen Rheinischen Tapetenfabrik Bonn-Beuel

Das Ausgangsmaterial für »Approaching Volterra« ist per Induktion aus elektromagnetischen Feldern einer Reihe von Transformatoren, Elektroinstallationen sowie verschiedenen Büro- und Haushaltsgeräten gewonnen.

Mikrofonierung | MS, ORTF, AB mit Schoeps MK4, MK21+MK8, MK2S, Microtech Gefell M 320, Soundman OKM II, induktiver elektromagnetischer Tonabnehmer

Die Ausgangsmaterialien für »Continuum 8«, »12 Punkt 61« und »Dans le métro« sind den unten genannten Werkzeugen entnommen.

Für alle Quellen gilt aus meiner Sicht gleichermaßen, dass die Ursprungsobjekte sich erst bei der Verarbeitung im Studio in musikalische Objekte verwandeln. Als solche stelle ich sie in den eigentlichen musikalischen, kompositorischen Kontext, in dem sie ihre neue, von der Quelle unabhängige Rolle spielen.

Erarbeitung der musikalischen Objekte, Kompositionen sowie ergänzende Instrumentalsätze, Abmischung und Mastering: Studio Sonofolie, Frank J. Witte. Verwendete Werkzeuge: Steinberg Cubase, Steinberg Halion, Sound Particles, Expressive Lié, Vienna Symphonic Library, Fabfilter.

Kunstobjekte, die bei den Beschreibungen von »Carillon de fer« und »Der Angeln Ruf« gezeigt werden: Wolf Rabe; Fotos Wolf Rabe, Doro Witte, Bernd Zöllner

Objekte, die bei den Beschreibungen der anderen Titel gezeigt werden: Felsen, Foto Doro Witte | Unendliche Säule – Constantin Brâncuși, Foto Emilian Robert Vico | Klaviersaiten, Foto Holger Schué | Pariser Métro, Foto Gerhard Bögner

»Junctions« ist auf CD verfügbar

© 2021 Sonofolie · Frank J. Witte · HBL-21001
2021 Hey!Blau Records · LC 22792
Pressung & Herstellung HOFA GmbH

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Junctions - ein Sonofolie-Album
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